Wenn Therapie schief geht

Für diesen Artikel möchte ich eine TRIGGER-WARNUNG rausgeben, da er unter anderem von schädlichen Therapeut*innen handelt. Bitte entscheide selber, ob du dir das jetzt zumuten magst und was du tun kannst, wenn es dich sehr aufwühlt.


Ich habe gerade einen Artikel beim BR gelesen, in dem ehemalige Patient*innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie beschreiben wie schlecht sie behandelt wurden und dass der Aufenthalt ihr Leiden sehr viel schlimmer gemacht hat.

Das hat mich daran erinnert, dass ich selber auch schon richtig schlechte Erfahrungen mit einer rückblickend untragbaren Therapeutin gemacht habe.
Ich möchte hier nicht beschreiben was passiert ist, aber es hat mein Vertrauen in die Psychotherapie sehr geschmälert und war zeitweise richtig gefährlich für mich.

Einem Menschen in (seelischer) Not zu helfen, kann auch für den Helfer sehr bereichernd sein und ein gutes Gefühl hinterlassen. In einer gesunden Beziehung ist dies für beide Seiten hilfreich und jeder geht gestärkt aus der Begegnung.
Leider zieht jedoch genau dieser Aspekt auch Menschen an, die sich auf Kosten des Gegenübers an diesen guten Gefühlen „berauschen“ möchten und eigene Probleme durch Machtausübung kompensieren wollen.
Menschen mit Helfersyndrom zum Beispiel sind scheinbar wahre Engel und helfen, wo sie können – wenn man jedoch genauer hinschaut (oder besser hinspürt), handelt es sich oft um „Helfergewalt“ bzw. verdeckten Narzissmus.
Nicht die beste Hilfe für das Gegenüber steht im Mittelpunkt, sondern die Macht und Kontrolle des Helfenden, der sich so in seinem tollen Ruf und seiner scheinbaren Selbstlosigkeit sonnen kann.

Das nächste Problem ist meiner Meinung nach ein von Grund auf falsches Verständnis von psychischen Krankheiten.
Besonders in der Verhaltenstherapie liegt die Annahme zugrunde, dass eine psychische Krankheit hauptsächlich falsch erlerntes Verhalten ist und dementsprechend durch Einüben „richtiger“ Verhaltensweisen korrigiert werden kann.
Inzwischen gibt es aber immer mehr Erkenntnisse, dass viele psychische Probleme eine eigentlich sehr gesunde Reaktion sind auf ein unpassendes oder krankmachendes Umfeld.
Anstatt die „Schuld“ beim Einzelnen zu suchen, wäre es bestimmt sinnvoller zu schauen in welcher Situation wir aufgewachsen sind und leben.
Eine ganze Generation von Müttern wurde durch die haarsträubenden Erziehungstipps der schwarzen Pädagogik traumatisiert und hat diese Bindungsstörung an die nächste Generation weitergegeben.
Solange wir uns nicht diesem Schmerz im Inneren eines Menschen mit Bindungstrauma zuwenden, kann keine Gesprächstherapie der Welt etwas an den Probleme ändern – man kann sie verlagern, aber auflösen geht nur durch Hinschauen und liebevolle Selbst-Annahme.

Ebenso ist unsere Welt hauptsächlich auf extrovertierte, normal-intelligente und nicht übermäßig sensible Menschen ausgerichtet.
Wenn man eines oder gar alles davon nicht ist, wird es fast schwierig keine Symptome auszubilden aufgrund dieser nicht „artgerechten Haltung“.
Und wer hat schon das Selbstbewusstsein sich in jeder Situation unabhängig vom gesellschaftlichen Mainstream zu betrachten.

Was kann man nun tun, um zu prüfen, ob man sich in einer schlechten Therapiesituation befindet?

  • Das wichtigste Instrument besitzt du bereits – es ist dein Gefühl. Spüre immer wieder in dich hinein wie sich die Therapie anfühlt
  • Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, teile es deiner Therapeutin mit. Sie sollte darauf eingehen und dir zuhören – nimmt sie es als Anlass offen darüber zu reden oder wigelt sie ab und gibt dir die Schuld daran?
  • Werden deine Grenzen geachtet und bestärkt sie dich darin deine Grenzen ernst zu nehmen?
  • Vorsicht ist immer geboten, wenn statt einer vertrauensvollen Atmosphäre eine Atmosphäre von Angst herrscht (z.B. „wenn Sie das nicht tun, was ich vorschlage, werden Sie xy“ oder „wenn Sie diese Aufgabe nicht machen, wollen Sie ja gar nicht gesund werden“)
  • Fühlst du dich als Mensch so wie du bist willkommen und angenommen? (Meine Ex-Therapeutin hat z.B. den Aspekt der Hochbegabung komplett ausgeklammert, weil sie das für Blödsinn hielt – wieder habe ich erlebt, dass ich so wie ich bin, nicht gut bin)
  • Passt die Therapieform zu dir? Hast du das Gefühl, dass es dir hilft oder gehst du nur aus Verpflichtung hin und bist innerlich nicht dabei?
  • Wenn du mit reiner Gesprächstherapie nicht weiterkommst (und es dir leisten kannst), probiere mal Somatic Experience oder Konzentrative Bewegungstherapie aus

Ich wünsche dir, dass du Menschen um dich hast/findest, die dir gut tun und dich darin unterstützen so zu sein, wie du bist 🙂

3 Comments

  1. liebe sarah!
    gut, daß du dich von dieser dame getrennt hast!
    auch in meinem eigenen beruf (krankenschwester) gibt es reichlich leute, die entweder unüberlegt oder absichtlich so ein mißbräuchliches helferverhalten zeigen.
    ich finde deine tipps hilfreich und wichtig, viele leute haben einfach zu wenig selbstbewußtsein, um überhaupt gut auf sich zu achten und sich zu wehren.
    ich habe letztes jahr auch eine therapie abgebrochen, weil der therapeut tatsächlich einfach etwas behauptet hat, das ganz sicher nicht der wahrheit entsprach und gleichzeitig meine wahrnehmung für ungültig erklärt hat.
    da gaslighting eine häufige erfahrung in meiner kindheit war, hat mich das natürlich massiv getriggert.
    aber ich bin mittlerweile zum glück schon zu stabil, um mich von solchen menschen allzu nachhaltig schädigen zu lassen.
    mittlerweile ist mir auch einiges aufgefallen, wovon ich schon ganz am anfang der therapie hätte gewarnt sein müssen, z.b. das verhalten dieses mannes seiner sprechstundenhilfe gegenüber war unter aller sau ;O) !

    1. Liebe biene,

      schlimm, was du erlebt hast – gut, dass du dich in Sicherheit bringen konntest.
      Wir Menschen mit Bindungstrauma haben leider irgendwie ein besonderes Händchen an solche Leute zu geraten (vielleicht weil wir es gewohnt sind nicht auf unsere Wahrnehmung zu vertrauen) – das ist stark, wenn man es schafft sich aus diesem Muster zu befreien und anfängt sich selber zu vertrauen.
      Ich habe leider auch viel zu oft riesige Warnsignale überhört, weil ich dachte ich kann ja meiner Wahrnehmung eh nicht trauen, weil ich ja „gestört“ bin.
      Aber wenn ich mich in der Therapie selbst aufgeben muss, um vom Therapeuten „gelobt“ zu werden, läuft etwas nicht gut für mich.

      Naja – die gute Nachricht ist, es gibt auch sehr gute Therapeuten, die einem helfen in die eigene Kraft zu kommen und für sich zu arbeiten statt gegen sich (Stichpunkt Achtsamkeit, Selbstmitgefühl, Acceptance and Commitment-Therapy).

      LG Sarah

  2. hej, liebe sarah!
    ich glaube, solche erfahrungen, vor allem aber die konsequenzen aus den eigenen reaktionen darauf, festigen eigene lernprozesse besonders gut.
    ich werde in zukunft nur noch mehr auf meiner version der „realität“ bestehen und mich durch nichts beirren lassen, das sich nicht irgendwie besser anfühlt, als das, was mir ursprünglich mein gefühl gesagt hat.
    meine jetztige therapeutin ist ganz anders, sie tut überhaupt gar nichts, um mich zu manipulieren, sie gibt auch keine rückmeldungen, was mich dann auch manchmal erstaunt.
    sowas ist einfach ganz unüblich.
    sie sagt allerdings klar, was sie von meiner symptomatik hält und läßt sich da auch nicht durch meine sturheit beirren (ich neige zum studium von fachliteratur, weil ich niemandem traue und schon einige falsche diagnosen erhalten habe).
    im nachhinein finde ich das sehr gut, ich denke so über vieles nochmal nach und das hilft mir wirklich weiter.
    ich fühle mich völlig ernstgenommen und auf augenhöhe behandelt und sowas hatte ich davor noch gar nicht.
    vor allen dingen läßt sie die verantwortung für mich bei mir.
    alles liebe!

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